Wenn Zucker, Fondant und ein gutes Maß an Fantasie aufeinandertreffen, entstehen manchmal Kunstwerke, die man kaum anzuschneiden wagt. Im Eichsfeld, einer der ältesten Kulturlandschaften Thüringens, haben zwei Frauen eine Konditorei der besonderen Art aufgebaut: Ihre Torten sind keine gewöhnlichen Backwaren, sondern dreidimensionale Geschichten aus Buttercreme und Modellierschokolade. Hogwarts-Schlösser, Eisköniginnen, Drachen, Märchenwelten – alles, was Kinder und Erwachsene träumen, landet irgendwann auf ihrer Arbeitstischplatte.
Hinter jedem mehrstöckigen Gesamtkunstwerk stecken Stunden geduldiger Handarbeit, ein tiefes Gespür für Farbe und Form sowie eine Leidenschaft fürs Backen, die weit über den normalen Kuchenhorizont hinausgeht. Wie zwei Frauen aus einer strukturschwachen Region Mitteldeutschlands zu gefragten Torten-Künstlerinnen wurden, was ihre aufwendigsten Kreationen bisher waren und welche Techniken hinter den essbaren Skulpturen stecken – das erzählen sie selbst am besten. Also: Schürze umbinden, Augen aufmachen.
Zwei frauen, eine leidenschaft
Das Eichsfeld ist bekannt für seine Klöster, seine Wurst und seinen eigenwilligen Stolz auf die eigene Herkunft. Dass ausgerechnet hier eine der aufwendigsten Formen moderner Konditorkunst gedeiht, überrascht zunächst. Doch wer die beiden Frauen kennt, versteht schnell: Diese Torten sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis von jahrelangem Üben, Scheitern, Verfeinern – und einer Freundschaft, die in der Küche begann.
Die beiden arbeiten als Team, ergänzen sich in Tempo und Temperament. Die eine denkt in Strukturen und Statik – sie baut die mehrstöckigen Türme, die auch nach sechs Stunden Feier noch stehen. Die andere denkt in Farben und Oberflächen – sie modelliert die Figuren, die am Ende aussehen, als hätten sie direkt dem Animationsfilm entstiegen. Gemeinsam decken sie das gesamte Spektrum ab, von der ersten Skizze bis zur letzten Zuckerblüte.
Von der idee zur essbaren skulptur
Jede Torte beginnt mit einem Gespräch. Was liebt das Kind? Welche Szene soll erzählt werden? Soll Elsa im Moment des Gefrierens festgehalten werden oder in ihrer Eishöhle thronen? Soll der Hogwarts-Express aus der Torte herausfahren oder das Schloss selbst aus Stockwerken aus Schokoladenroulade gebaut sein? Diese Detailfragen sind nicht Spielerei, sondern handwerkliche Notwendigkeit: Wer dreidimensionale Strukturen aus Lebensmitteln baut, muss von Anfang an Gewicht, Statik und Verzehrbarkeit mitdenken.
Der Kern fast aller Kreationen besteht aus einem klassischen Rührteig oder einem saftigen Schokobiskuit, umhüllt von einer stabilen Ganache – einer Emulsion aus Sahne und Kuvertüre, die als tragende Schicht unter dem Fondant dient und gleichzeitig die nötige Festigkeit für mehrstöckige Konstruktionen liefert. Darüber legen die beiden eine gleichmäßige Schicht gefärbten oder natürlich weißen Rollfondants, eine knetbare Zuckermasse, die sich wie weiches Leder über die Tortenoberfläche ziehen lässt. Was danach passiert, ist reine Bildhauerei.
Hogwarts: ein projekt für mutige
Die Hogwarts-Torte gilt intern als eine der technisch anspruchsvollsten Arbeiten. Mehrere Etagen aus verschiedenen Teigen – damit der Anschnitt bei jedem Stockwerk eine andere Überraschung bietet –, handmodellierte Türme aus Rice-Krispie-Masse, einer Mischung aus gepufftem Reis und geschmolzenen Marshmallows, die sich formen lässt wie Bauschaum und nach dem Aushärten stabil genug ist, um als Grundlage für Fondantverkleidungen zu dienen. Die Fenster: handgemalt mit Lebensmittelfarbe und Pinsel. Die fliegenden Kerzen in der Großen Halle: Zahnstocher, ummantelt mit weißem Fondant, mit hauchdünnen Wachslichtimitaten aus gezogenem Isomalt gekrönt.
Isomalt ist ein Zuckeraustauschstoff, der sich bei etwa 160 °C zu glasklaren, biegsamen Fäden oder Platten ziehen lässt. Im erkalteten Zustand ist er transparent wie Glas, bruchfest genug für filigrane Strukturen und vollständig essbar. Wer einmal gesehen hat, wie eine geübte Hand damit umgeht, versteht, warum diese Technik lange dem professionellen Showkochen vorbehalten war.
Die eiskönigin: wenn blau in zwölf schattierungen leuchtet
Elsa ist ein Dauerbrenner – und gleichzeitig eine der größten Herausforderungen. Das Blau der Eiskönigin ist nicht ein Blau, es ist ein ganzes Spektrum: Türkis, Kobalt, Eisweiß, Silbergrau. Die Figur selbst wird aus Modellierfondant geformt, einer festeren Variante des Rollfondants mit erhöhtem Anteil an Tylose, einem pflanzlichen Geliermittel, das die Masse schneller trocknen und präziser formen lässt. Hände, Gesicht, das fließende Kleid mit seinen Schlitzen und Überlappungen – jedes Detail entsteht einzeln und wird dann mit essbarem Kleber zusammengesetzt.
Der Hintergrund der Torte selbst ahmt die Eispalast-Ästhetik nach: Airbrush-Verlauf in drei Blautönen, Zuckerglassplitter als Eisstalagtiten, silberne Lebensmittelpuder-Akzente, die mit einem weichen Pinsel aufgetupft werden. Das Licht im Raum entscheidet am Ende über den Gesamteindruck – und die beiden Eichsfelderinnen wissen das. Viele ihrer Torten sind auch für das Foto gebaut.
Handwerk statt halbfertiges
Was die Arbeit der beiden von vielen Hobbybäckerinnen unterscheidet, ist die konsequente Ablehnung von Fertigfiguren aus Kunststoff. Alles, was auf einer ihrer Torten sitzt, ist essbar und handgefertigt. Das hat nicht nur ästhetische Gründe: Kunststoff-Dekoration bedeutet Entsorgungsaufwand, mögliche Verwechslungen bei kleinen Kindern und vor allem den Verlust des handwerklichen Charakters. Eine Torte, die vollständig aus Lebensmitteln besteht, erzählt eine andere Geschichte als eine, auf der Spielzeugfiguren thronen.
Dieser Anspruch schlägt sich in den Arbeitszeiten nieder. Eine mittelgroße motivierte Torte mit einer Hauptfigur und einfacher Dekoration: 12 bis 15 Stunden. Ein mehrstöckiges Bauprojekt wie Hogwarts oder ein vollständig gestaltetes Unterwasserpanorama: bis zu 40 Stunden, verteilt über mehrere Tage, weil Schicht für Schicht trocknen muss, bevor die nächste aufgetragen werden kann.
Das eichsfeld als boden für kreativität
Dass ihre Werkstatt nicht in Berlin oder Hamburg steht, sondern im ländlichen Eichsfeld, empfinden die beiden nicht als Manko. Im Gegenteil: Die Region hat eine starke Handwerkstradition, eine enge Gemeinschaft und kurze Wege zu Auftraggebern, die persönliche Verbindung schätzen. Mundpropaganda funktioniert hier schneller als jeder Instagram-Algorithmus. Und der frische Frühling, der gerade das Eichsfeld mit den ersten Kirschblüten überzieht, bringt eine neue Welle an Anfragen für Kommunionstorten, Frühlingsgeburtstage und Oster-Themenwelten.
Zwei Frauen, die aus Mehl, Zucker und einer gehörigen Portion Vorstellungskraft das Unmögliche backen – im Eichsfeld ist das mittlerweile keine Besonderheit mehr. Es ist einfach das, was sie tun.
Techniken im überblick
| Technik | Material | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Rollfondant | Zuckermasse, Glukosesirup | Glatte Tortenoberfläche, Grundfarbe |
| Modellierfondant | Fondant + Tylose | Figuren, Blüten, Dekorelemente |
| Ganache | Kuvertüre + Sahne | Stabile Unterputzschicht, Füllung |
| Rice-Krispie-Masse | Gepuffter Reis + Marshmallows | Leichte, formbare Stützstrukturen |
| Isomalt | Zuckeraustauschstoff | Transparente Glaseffekte, Eis-Imitationen |
| Airbrush | Lebensmittelfarbe + Druckluft | Farbverläufe, Schattierungen, Hintergründe |
| Lebensmittelpuder | Glimmer- oder Mattpigmente | Metallic-Effekte, Tiefenwirkung |
Mein tipp für zu hause
Wer zu Hause zum ersten Mal mit Fondant arbeitet, sollte bei Raumtemperatur beginnen: Zu kalter Fondant reißt beim Ausrollen, zu warmer klebt und verliert seine Form. Eine dünne Schicht Palmin oder Kokosfett an den Händen verhindert das Ankleben besser als Puderzucker, der die Oberfläche mattiert und rau macht. Und wer eine glatte, blasenfreie Oberfläche erreichen möchte, legt den Fondant immer größer aus als nötig – mindestens 10 cm Überstand auf jeder Seite – und glättet ihn von der Mitte nach außen, niemals umgekehrt.
Häufige fragen
Wie lange im voraus kann man eine fondanttorte bestellen?
Bei aufwendigen Motivtorten wie mehrstöckigen Konstruktionen oder handmodellierten Figuren empfehlen die meisten spezialisierten Konditorinnen eine Vorlaufzeit von mindestens vier bis sechs Wochen. Beliebte Termine rund um Kommunion, Schulanfang oder Geburtstage im Frühjahr sind oft deutlich früher ausgebucht. Je komplexer das Motiv, desto früher sollte die Anfrage gestellt werden.
Wie transportiert man eine mehrstöckige motivtorte?
Mehrstöckige Torten werden intern mit Holzdübeln oder lebensmittelsicheren Kunststoffstäben gestützt, die das Gewicht der oberen Etagen auf die unteren Böden verteilen. Für den Transport empfiehlt sich eine rutschfeste Unterlage im Kofferraum, kurze Strecken mit niedrigem Tempo und eine kühle Temperatur im Fahrzeuginnenraum – Fondant beginnt bei Wärme zu schwitzen und kann seine Farbe verlieren. Auf keinen Fall sollte die fertige Torte gekippt oder schräg transportiert werden.
Ist fondant eigentlich schmackhaft?
Fondant polarisiert: Er ist primär süß, hat eine neutrale bis leicht vanillige Note und eine gummiartige Textur, die nicht jeder mag. Viele Gäste entfernen die Fondantschicht beim Anschneiden und essen nur den Tortenkern. Das ist vollkommen üblich – gute Motivtortenkonditoreien legen deshalb besonderen Wert auf exzellente Böden und Füllungen darunter, weil der Fondant vor allem optische Funktion hat.
Kann man motivtorten auch ohne fondant herstellen?
Ja. Buttercreme-Torten, sogenannte Painted Cakes oder Naked Cakes mit Aquarelleffekten aus Lebensmittelfarbe sind eine wachsende Alternative für alle, die Fondant geschmacklich ablehnen. Figuren und dreidimensionale Elemente lassen sich dabei aus Modellierschokolade – einer Mischung aus Kuvertüre und Glukosesirup – herstellen, die sowohl formstabil als auch deutlich aromatischer ist als herkömmlicher Fondant.
Welche lebensmittelfarben werden für solche torten verwendet?
Professionelle Konditoreien arbeiten überwiegend mit Gelfarben oder Pastenfarben, die hochkonzentriert sind und den Fondant nicht aufweichen. Flüssige Lebensmittelfarben aus dem Supermarkt sind für das Einfärben von Fondantmassen weniger geeignet, da sie zu viel Feuchtigkeit einbringen. Für Airbrush-Effekte werden spezielle, fein gefilterte Airbrush-Lebensmittelfarben auf Alkoholbasis verwendet, die schnell trocknen und streifenfreie Verläufe ermöglichen.



